Ich habe keine Vorurteile!?

Gestern war ich auf einem Vortrag von Prof. Dr. Andreas Zick zum Thema Vorurteile. Es ist wirklich interessant, wie viel wir schon über Vorurteile wissen. Ja, sie sind nicht nur schlecht. Sie ermöglichen eine Ökonomisierung. Das heißt, ich muss nicht immer wieder die Leute oder Situationen neu einschätzen. Für das Gehirn sicherlich eine nützliche Sache. Jedoch auch in gruppendynamischen Prozessen hilfreich. Problematisch wird es jedoch, wenn Menschen dehumanisiert oder ausgegrenzt werden. Ein Machtgefüge auf Kosten anderer Menschen kann für eine rasant wachsende Gesellschaft auf Dauer nicht gut sein. Auch das ist allseits bekannt. Doch was tun?

Ich stimme Herrn Zick voll und ganz zu, wenn er sagt, dass ganz vorne in der Vermeidung von Vorurteilen, die Wahrnehmung eigener sowie gesellschaftlicher Vorteile ist. Erst wenn ich mir meiner eigenen Haltung/Vorurteile bewusst bin, kann ich darauf reagieren. Auch die Sensibilisierung für Ausgrenzungen anderer Menschen muss erlernt werden.

Doch die Forschung legt ihren Fokus, oft auch berechtigter Weise, auf Gruppen wie Migranten, ethnische Minderheiten oder Menschen mit Beeinträchtigung. Doch was ist mit der alltäglichen Dehumanisierung oder Wertung von Kindern und Jugendlichen. Schule ist ein Ort, an dem Sozialisierung stattfindet. Noten, G8 und stetig wachsender Druck sind Bedingungen, die sich auf die Sozialisierung auswirken.

Auch die Ansprüche an Lehrer sind in den letzten Jahren immens gewachsen. Sie sollen zum einen fachlich Kompetent sein, zum anderen aber auch eine Vertrauensperson für private Probleme sein. Es tut mir leid, aber jemand der mir eine 5 in Englisch gibt, dem hätte ich noch lange nicht mein Herz geöffnet. Das soll nicht heißen, dass der Spagat zwischen „Bewerter“ und Bindungsperson nicht funktioniert. Dennoch stellt es eine große Herausforderung für Lehrer_innen dar.

Auch die Wahrnehmung der eigenen Vorurteile, Haltung und Kommunikation wird nur selten reflektiert. Supervision ist gar kein Thema. Wer sich einmal mit seinen eigenen Vorurteilen und Haltungen oder Handlungsmustern auseinander gesetzt hat weiß, dass es sehr ernüchternd sein kann, zu merken, wie man sich durch das Leben „kommuniziert“.

Ein Thema, was mir besonders am Herzen liegt, ist die Risikokompetenz. Auch hier zeigte sich gestern, wie wichtig es ist, dass Menschen risikokompetent werden. Und das heißt nicht nur zu wissen, dass zu viel Zucker schlecht für die Zähne ist. Viel mehr sind es z.B. Statistiken, die es gilt zu hinterfragen. Oder sich genau über die Flüchtlingswelle zu informieren. Ein gutes Beispiel hierfür ist 9/11. Nach den Anschlägen stieg eine Mehrzahl von Menschen auf den Autoverkehr um. Was zur Folge hatte, dass die Unfallrate im Straßenverkehr rasant anstieg.

Aber wie sollen Menschen risikokompetent werden, wenn ihnen in ihrer Sozialisierung alle Risiken genommen werden. „Mit dem Auto ins Klassenzimmer“, keine Bäume mehr erklimmen oder im Sportunterricht alles doppelt und dreifach absichern. Das sind nur einige Beispiele, in denen wir Kindern die Chance nehmen eine Risikokompetenz zu erlangen.

Vor 20 Jahren lag der Explorationsradius eines Kindes noch bei rund 800 m. Heute entfernt sich ein Kind gerade noch 10 m von seinen Eltern weg. Verstehen sie mich nicht falsch, ich bin Vater von zwei Kindern und auch mein Herz pochte wie verrückt, als ich meinen Sohn das erste mal hab alleine zur Schule gehen lassen. Doch wenn mein Kind nicht lernt, mit Gefahren, die das Leben mit sich bringt, umzugehen, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer Gefahrensituation nicht handeln oder noch schlimmer, Ohnmacht erfahren.

Genau das ist es, was wir gerade erleben. Menschen die Gefahren falsch einschätzen, Menschen denen der Mut fehlt, ihr Leben zum „Guten“ zu wenden oder Menschen, die einfach nur noch hinter anderen herlaufen.

Wenn wir eine starke Gesellschaft haben wollen, müssen wir mutige Lehrer, Erzieher und Eltern haben. Denn mutige Kinder brauchen mutige Vorbilder.

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